In diesem Artikel soll die Lage in der Region Mukatschevo, kurz nach der ungarischen bzw. slowakischen Grenze geschildert werden: zum einen aus der Sicht der Einheimischen, dann aus der Sicht der Flüchtlinge und als 3. wie das Team aus Deutschland sie wahrgenommen hat. Am Ende soll auch die Perspektive einiger Soldaten erläutert werden.
Das berichten Einheimische: Es gab bisher 3 Versuche diesen Ort zu beschießen. Alle Geschosse konnten abgefangen werden. Zerstörte Häuser gibt es folglich in dieser Region nicht. Von der immer wieder beschädigten Infrastruktur ist sie jedoch genauso betroffen.
Der vierte Versuch traf ein Werk im Industriegebiet. Gott sei Dank schafften die Mitarbeiter der Nachtschicht es rechtzeitig in den Schutzraum zu kommen. So gab es nur Verletzte. Der Anblick dieses Werkes bringt einen zum Zittern und lässt Tränen in die Augen schießen. Noch nie war die Realität des Krieges so nahe! Die Zerstörungskraft ist gewaltig.
Es gibt wiederholt Stromausfälle und alle sind angehalten Strom zu sparen. Dennoch springen bei Stromausfall inzwischen „an jeder Ecke“ Generatoren an, die ersatzweise wenigstens ein Mindestmaß liefern. Auch viele private Familien leisten sich inzwischen so einen kleinen „Luxus“, damit wenigstens der Gefrierschrank weiterhin versorgt werden kann.
Der Ort ist einwohnermäßig extrem gewachsen. Man findet sogar Baustellen für weitere Häuser. Tausende von Flüchtlingen suchen hier einen neuen sicheren Ort. Daher hat Mukatschevo nun auch die teuersten Mieten des Landes…
So geht es den Flüchtlingen: Die Flüchtlinge kommen oft nur mit einer Tasche Papiere, den Kleidern, die sie gerade anhaben und einem riesigen Rucksack schrecklichster Erlebnisse. Verlorene Angehörige, komplett zerschossene Häuser, ihr Lebenswerk zerstört, manche wurden Augenzeugen, wie ihre Liebsten sterben mussten, erlebten sogar als Kinder schon mit, wie Menschen Körperteile abgerissen wurden… unendliches Leid, das man hier nicht angemessen wiedergeben kann…
In der komplett überfüllten Stadt kommen sie dann in alten Schulen, Kinderheimen, Krankenhäusern, Gemeindesälen… unter. Manchmal schlafen über 20 Leute in einem einzigen Raum, der nur mit Decken abgetrennt ist, teilen sich eine Toilette, eine Notdusche und kochen auf ein paar Einzelplatten…
Sie kommen mit leeren Händen und sind teilweise so traumatisiert, dass sie kaum in der Lage sind, sich selbst um alles zu kümmern – auch dann nicht, wenn sie kleine Kinder dabei haben.
Nicht wenige haben so unerträglich viel Leid erlebt, dass sie versuchen, ihren unsagbaren Schmerz mit Alkohol oder anderen unguten Methoden zu betäuben.
Viele Einheimische helfen, wo sie können. Kirchen sind vom Staat aufgerufen sich darum zu kümmern. Sie arbeiten zusammen, soweit dies geht – über die Grenzen der Denominationen hinweg. Es werden Hilfsgüter verteilt, Essen ausgegeben, es gibt Suppenküchen und immer wieder werden auch persönliche Anliegen ermittelt. So z.B. Hilfsmittel wie Windeln, Orthesen, Rollstühle… Diese Nöte werden zum Teil wieder an uns weiter geleitet und wir versuchen zu helfen, wo auch immer das geht.
Auch Traumatherapie, Spieltherapie, Beschäftigung für die Kinder, Eingliederung…. wird, wo auch immer möglich, angeboten. Überall sind die neu Angekommenen auch in den Gottesdiensten und Hauskreisen herzlich willkommen.
Für uns wird sichtbar, dass die Not weiterhin größer wird. Die Preise steigen, viele wissen nicht, wie sie ihren täglichen Unterhalt bestreiten sollen. Wohnraum ist so teuer, dass oftmals mehrere Familien eine Wohnung gemeinsam bewohnen.
Beobachtung des Ride-Teams: Da es in der Ukraine üblich ist, dass sich die Angehörigen um die Senioren und um Kranke kümmern, ist auch hier eine extreme Verschlechterung zu erkennen: manche sind alleine, weil Angehörige ins Ausland geflüchtet sind, andere; weil die Familienmitglieder viel mehr arbeiten müssen, um irgendwie rundum zu kommen. Oder die einzigen Verwandten arbeiten an der Front…. so kommt es, dass alte, behinderte und kranke Menschen; komplett auf sich gestellt, alleine in ihren Wohnungen liegen. Einmal am Tag kommt jemand um etwas zu essen zu bringen und die Windeln zu wechseln. – Ein Zustand, der unglaublich nahe ging und richtig schmerzhaft war.
Bei unseren Programmen trafen wir immer wieder auch Soldaten, die gerade auf Heimaturlaub, im Krankenstand oder als Veteranen ausgemustert waren. Auch in einer Rehaklinik für Soldaten, die Amputationen verarbeiten müssen – teils mehrfach – durften wir Gespräche führen und für die tapferen Männer beten. Unisono geben sie uns mit auf den Weg nach Deutschland: setzt alles daran, dass der Krieg hier beendet wird und sich auf gar keinen Fall noch in andere Länder ausweitet! Wir hören, wie menschenunwürdig das Leben in den Schützengräben ist, wie man manchmal Stunden- oder gar Tagelang auf Evakuierung warten muss, weil die Gefahr von weiterem Beschuss einfach zu groß ist. Wir sind entsetzt zu hören, welch entsetzliches Ausmaß die „Drohnenjagd“ angenommen hat. Zumeist hören wir von denen, die sich wie Tiere während einer Hetzjagd gefühlt haben, dass man wochenlang nicht wirklich schlafen darf, weil jede Sekunde Tiefschlaf das Leben kosten könnte… Aber da gibt es auch die andere Seite – weit ab von der Front, gut geschützt, sitzen Männer, die statt in einem Shooter-Game nun auf echte Feinde zielen. Ob die Drohnen wirklich erkennen, wer da am anderen Ende verfolgt und beschossen wird? Feind oder Freund? Soldat oder Kind? Haben wir alle Menschlichkeit verloren? Die Evakuierungsfenster gibt es nicht mehr. Wer den Feind retten will, muss selbst sterben. „Jedes Kind ist später ein Soldat“, berichtete uns ein Veteran, der beide Beine verloren hatte und nur noch einen Arm bewegen konnte. „Bitte helft mir, ich brauche einen Elektrorollstuhl, damit ich aus diesem Bett wieder herauskomme!“, so flehte er beinahe jeden einzeln an. Ungläubig erkundigten wir uns bei der Schwester. Diese bestätigte: „Ja, Rollstühle müssen sie sich privat kaufen!“
An dieser Stelle wird mir einfach nur bewusst, wie entsetzlich und grausam Krieg ist! Am Ende zahlen die Menschen, die ihr Leben für ihr Land und zur Verteidigung ihrer Familien aufs Spiel gesetzt haben – werden in ihrer Not oft genug auch noch allein gelassen. So wie Arthur, der nach seiner Rückkehr auch noch erfuhr, dass seine Frau einen Anderen hat und ihm den Kontakt zu seinem Sohn verbietet. Er selbst liegt nun schon mehr als 2 Jahre in Krankenhäusern und Rehakliniken. Ebenfalls ohne Beine…
Neben den vielen Toten und den Vermissten bewirkt ein Krieg auch ein sehr hohe Zahl an „lebendig Toten“! Damit sind die Menschen gemeint, die so viel Schmerz in sich tragen, dass sie keinerlei Gefühle mehr wahrnehmen können, die ganz oft auch ihre Umgebung nur noch verzerrt erleben. Manche funktionieren noch ein Stück weit marionettenähnlich, wie ferngesteuert. Doch sie sind nicht mehr in der Lage sich selbst zu spüren und daher auch nicht in der Lage adäquat wahrzunehmen, was die Menschen um sie herum bewegt.
Krieg heißt nicht nur, dass man nicht mehr freundlich mit dem anderen umgeht, dass Menschen, die vorher noch Freunde, Familie, Nachbarn, Geschäftspartner waren, nun plötzlich Feinde sind – nein Krieg ist Zerstörung von Seelen, von Menschen, von Hab und Gut! Warum? Aus Machtgier oder Habgier? Aus Rache oder Hass? Sind das die ureigenen Gefühle der Soldaten, die sich da gegenüber stehen? Mit welcher Propaganda wurden sie „gefüttert“? Hatten sie die Chance, dies zu prüfen, ihren Dienst abzulehnen?
Möge alle falsche Propaganda ans Licht kommen, und die Wahrheit siegen! Ich möchte das Herzensanliegen der Soldaten und Veteranen weitertragen: Lassen Sie uns beten, dass dieser Krieg ein Ende findet und auch nicht an anderen Stellen weitergeführt wird! (MW)

